10-Year-Challenge - Wie die Jahre das Studium in Deutschland verändert haben


10-Year-Challenge - Wie die Jahre das Studium in Deutschland verändert haben
Jeder hat schon einmal die Aussage gehört, dass früher alles besser war. Und das mag auf manche Dinge sicherlich zutreffen. Aber gilt diese “goldene Regel“ auch für das Studium?  Dieser Artikel beleuchtet, wie sich die Ausbildung an den deutschen Hochschulen in den letzten zehn Jahren verändert hat. Wie zu sehen sein wird, liegt eine Hauptursache für diese Veränderungen allerdings weiter als zehn Jahre zurück. Das heißt, es können keine scharfen Linien “in Bezug auf die 10-Year-Challenge“ gezogen werden.
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Historisch einzigartig

Die vermutlich größte Veränderung, was das Studentendasein betrifft, trat im Jahr 1999 ein. Die Rede ist von der Bologna-Reform. Diese wurde von Deutschland und 28 weiteren europäischen Staaten unterzeichnet; heute nehmen sogar 47 Staaten an dieser Reform teil. Durch die Umstellung der Hochschulstrukturen soll ein europaweiter Hochschulraum geschaffen werden, der die internationale Vergleichbarkeit der Abschlüsse und die gegenseitige Anerkennung dieser im Ausland gewährleistet. 
  • Merke: Für die Bundesrepublik Deutschland bedeutete die Vereinheitlichung der Abschlüsse in Europa vor allem - aber keinesfalls ausschließlich - die Umstellung vom Diplom- und Magister-System (auch Staatsexamen) auf das Bachelor- und Master-System. 

Für richtiges Lernen bleibt keine Zeit

Eine Folge der Bologna-Reform für das deutsche Bildungssystem ist der erhöhte Zeitdruck, dem die Studierenden ausgesetzt sind. Haben die Wissbegierigen ihren Studienverlauf bis zur Reform noch selbst bestimmt, ist das Studium an der Universität mittlerweile in Regelstudienzeiten eingeteilt: Während für den Bachelor-Abschluss meist sechs Semester vorgesehen sind, beträgt die Zeit für das anschließende Masterstudium vier Semester. Um diesen zeitlichen Rahmen einhalten zu können, was in kaum einem Studiengang möglich ist, müssen die Studierenden einen streng getakteten Zeitplan einhalten. Somit bleibt kaum Zeit, sich tiefgründiger mit interessanten Inhalten zu beschäftigen. Viel mehr hetzen sich die meisten durch die Wintersemester und die Sommersemester. Schließlich wird ab einer gewissen Fachsemesterzahl das BAföG gekürzt; mancherorts muss man sogar, neben den Studiengebühren, einen zusätzlichen Studienbeitrag zahlen. Das kann dem ohnehin blanken Studierenden schnell zum Verhängnis werden!


“Ein Master war mal mehr wert“

Der oben erläuterte Zeitdruck setzt sich nach dem Leben in der Uni fort. Hat der Studierende seine Regelstudienzeit deutlich überschritten, kann er sich beim Vorstellungsgespräch auf einige unangenehme Fragen des Arbeitgebers gefasst machen. Dieser verlangt Rede und Antwort, warum der Abschluss des Studiums so lange hat auf sich warten lassen. Hieraus meinen viele, Rückschlüsse über die Motivation eines Menschen machen zu können.
  • Man muss fairerweise sagen, dass der Druck unter den Studierenden zum Teil auch selbst geschaffen ist: “Am besten absolviert man bereits während des Semesters Praktika und erlernt mehrere Sprachen“, um der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein. Man könnte also sagen, dass nicht wenige Studierende bereits während ihres Studiums um die Gunst des späteren Chefs buhlen. Häufig ist in diesem Zusammenhang von einem Wettrüsten um die besten Plätze in der Gesellschaft die Rede.


Das klassische Studentenleben gibt es nicht mehr

“In den guten alten Zeiten“ mussten Studierende pro Semester wesentlich weniger Nachweise erbringen als nach der Bologna-Reform. Heute müssen gefühlt ständig Leistungsnachweise erbracht werden, damit das Konto mit Credit Points gefüllt wird – beinahe täglich stehen, neben den Veranstaltungen, Hausarbeiten, Referate usw. an.  
  • Zwischenfazit: Da mehr Nachweise erbracht werden müssen und die Regelstudienzeit festgelegt ist, ergibt sich ein wahrer Marathonlauf an den deutschen Hochschulen. Ein weiteres Problem ist, dass sich die Module in einem Semester zum Teil zeitlich überschneiden. Dass die Koordination der Studienfächer dadurch nicht erleichtert wird, leuchtet wohl jedem ein.

Von wegen, früher war alles besser!

So viel zur Veränderung des Bildungssystems in Europa. Die letzten zehn (oder mehr) Jahre haben Studierenden das Leben jedoch nicht nur erschwert. Ganz im Gegenteil: Die fortschreitende Technik hat Chancen eröffnet, die die Grundvoraussetzungen für den erfolgreichen Abschluss eines Masterstudiengangs, einer Promotion o.Ä. verbessern. Mehr zu diesen mittlerweile festen Bestandteilen des akademischen Lebens in den folgenden Abschnitten.


Das WWW als Dozent

Die größte Errungenschaft in der frühen Geschichte der Hochschule ist das Internet. Dieses ist für Studenten und Studentinnen genauso wichtig wie für sämtliche Personen im Alltag. Dieses neue Medium ist nicht mehr aus der Pädagogik und weiteren Wissenschaften wegzudenken. Das geht bereits bei der Verwaltung los: Die Einschreibung in einen Studiengang ist an den meisten Unis nur noch online möglich – vorbei sind die Zeiten mit unübersichtlichen Antragsformularen, bei denen der Studienbewerber nicht einmal wusste, wo die eigene Adresse und wo der Studienwunsch einzutragen ist. Ebenso stellen Professoren Ihre Dokumente online zur Verfügung und auch beim Lernen ist Google - salopp ausgedrückt - der Ansprechpartner Nr.1.
  • Steht die Anzahl der Studienplätze in einem unausgewogenen Verhältnis zu den räumlichen Kapazitäten einer Hochschule, sprich: sind die Vorlesungssäle überfüllt, nutzen viele Dozenten das Internet, um den Studierenden einen Online-Stream der Vorlesung zu bieten. So lassen sich die Informationen bequem von zu Hause aus abrufen. Vor den 90er-Jahren, in denen die kommerzielle Phase des Internets begann, war das undenkbar!

Mitschreiben 2.0

In enger Verbindung zum Internet gelten Stift und Papier in der Vorlesung heute als out. Stattdessen greifen Studierende zum Notebook/ zum Tablet, um Mitschriften anzufertigen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Mitschriften liegen direkt in lesbarer (digitaler) Form vor und müssen nach der Veranstaltung nicht erst noch abgetippt werden, um zum Lernen zu dienen. 
Des Weiteren schreiben viele Studierende auf einem Laptop schlichtweg schneller als per Hand. Zudem lassen sich Grafiken etc. problemlos einfügen und verschieben. Somit wird die Qualität der eigenen Lernunterlagen gesteigert, von der automatischen Überprüfung der Rechtschreibung einmal ganz abgesehen (diese ist für viele essentiell, um eine lesbare Hausaufgabe abgeben zu können).
  • Mindestens genauso praktisch wie das Notebook/ das Tablet ist das Smartphone. Dieses dient nicht nur der Kommunikation mit Kommilitonen, sondern ermöglicht den schnellen Blick auf den Mensaplan und auf die am Tag anstehenden Termine. 

Eine weitere technologische Entwicklung, die nicht nur unseren Alltag, sondern auch das Studentenleben vereinfacht hat, ist das Online-Banking: Mit wenigen Klicks die Studiengebühren für die nächsten drei Monate zahlen – was aus heutiger Perspektive völlig selbstverständlich ist, war vor einigen Jahren kaum vorstellbar.

Weitere Hochschul-Entwicklungen in der Übersicht

  1. Die Note des Schulabschlusses ist nicht mehr so ausschlaggebend dafür, ob man studieren kann oder nicht (Stichwort gelockerte Kriterien für die Zulassung).
  2. In einigen Bundesländern genügt der Abschluss an einer Fachhochschule, um zum Studium zugelassen zu werden. 
  3. Die Studienwahl ist schwieriger geworden (erhöhtes Angebot und Nachfrage an Studiengängen).
  4. Viele Studiengänge beginnen nicht mehr nur im Winter, sondern alternativ im Sommer.
  5. Es war noch nie so einfach, ein Stipendium zu erhalten.
  6. Die Zuschüsse des Staates zur Finanzierung des Studiums (BAföG) sind umfangreicher geworden.

Alles in allem bleibt festzuhalten, dass sich das Hochschulleben in den letzten (zehn) Jahren stark verändert hat – ob nun positiv oder negativ. Man darf gespannt sein, was die Zukunft bringt.